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Interview with Lydia Lippuner

  • Autorenbild: verdinero-guitars
    verdinero-guitars
  • 10. Sept. 2018
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Apr. 2022

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Oberengstringen

«Nun bin ich statt mit der BĂŒhne, mit einem StĂŒck Holz zufrieden»: vom BalletttĂ€nzer zum Gitarrenbauer

von Lydia Lippuner — az Limmattaler Zeitung

Zuletzt aktualisiert am 4.9.2018 um 14:20 Uhr

Der ehemalige TĂ€nzer Nunzio Verdinero hat sich die Kunst des Gitarrenbauens selber beigebracht. Eine Ausbildung dafĂŒr gibt es nicht.

Nunzio Verdinero geht mit schwingendem Gang auf seine Werkstatt zu. In seinem schwarzen Dutt steckt ein gelber Bleistift. Im unscheinbaren Holzverschlag am ZĂŒrcher Stadtrand baut der Oberengstringer international bekannte Gitarren. «Meine erste Gitarre ging aber absolut in die Hose», sagt Verdinero. Das war vor neun Jahren. Ein Jahr zuvor hatte er gerade seinen Job als BalletttĂ€nzer an den Nagel gehĂ€ngt – aus AltersgrĂŒnden. Insgesamt 20 Jahre stand der heute 48-JĂ€hrige auf der BĂŒhne.

«Eine neue Leidenschaft nach dem Ballett hatte ich noch nicht», sagt Verdinero. Nachdem er seine Tanzkarriere beendet hatte, ging er einem Brotjob nach. Er arbeitete im St. Galler Textilmuseum. Als er ein Jahr spĂ€ter ĂŒber den Flohmarkt ging, stach ihm eine alte, aber wunderschöne Gitarre ins Auge. Er habe wohl gemerkt, dass sie ein wenig beschĂ€digt war. «Das restauriere ich zu Hause», dachte er sich. Gesagt, getan. Verdinero griff in die Werkzeugkiste. Alle BĂŒnde habe er abgeschliffen. Das Resultat sei denkbar unbrauchbar gewesen.

Dieses Erlebnis spornte ihn aber an, nicht aufzugeben. Sein Umfeld reagierte mit UnverstĂ€ndnis: «Du spinnst!» Und «Das ist zu spĂ€t, schlicht unmöglich», sagten seine Bekannten. Diese Stimmen waren ihm jedoch nicht neu. «Der Kopf und die Zeit war anders, doch die Worte dieselben», sagt er. Im Alter von 19 Jahren erlebte er etwas Ähnliches. Damals wollte er, ohne je eine Ballettstunde genommen zu haben, die schweizerische Ballettberufsschule ZĂŒrich besuchen. Die Leute zeigten ihm den Vogel. «Ich merkte erst beim Vortanzen, dass ich wirklich nichts konnte», sagt er. Ausser, dass die Musik seinen Körper in Schwingungen versetzte. Das sah die Jury ebenfalls und so wurde er vorlĂ€ufig in die Schule aufgenommen. Aus den Probemonaten wurden eine ganze Ausbildung und schliesslich eine internationale Tanzkarriere. Er habe immer gewusst: «Ich werde TĂ€nzer oder nichts.» Nach Engagements in der Stadt ZĂŒrich, St. Gallen und Berlin zog er schliesslich vor fĂŒnf Jahren mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in eine Wohnung in Oberengstringen. Die Wohnung im Limmattal ist ein neuer Luxus fĂŒr die vierköpfige Familie. «Ich geniesse die Ruhe, den Blick direkt auf die Limmat», sagt Verdinero.

Schreinerwerkstatt statt Parkett

Auch beruflich hat er sich stark verĂ€ndert: «Nun bin ich statt mit der BĂŒhne, mit einem StĂŒck Holz zufrieden», sagt er und lĂ€chelt. Verdinero hĂ€lt ein dĂŒnnes StĂŒck Birnbaumholz in seiner Hand. Vom Wort «unmöglich», liess er sich auch dieses Mal nicht beeindrucken. Sein Unterfangen hatte nur einen Haken. Im Unterschied zur ersten Situation fand er dieses Mal niemanden, der ihn ausbilden wollte. In der Schweiz gibt es die Ausbildung Gitarrenbauer nicht. Viele Lernen es ĂŒber den Geigenbau, im Ausland oder bei erfahrenen Gitarrenbauern. Nach einigen erfolglosen Bewerbungsschreiben beschloss Verdinero, den Gitarrenbau nebenher als Hobby zu betreiben. Daneben ging er weiterhin seinem Job im Textilmuseum nach. Die freien Stunden verbrachte er in der Werkstatt: Er druckte sich ein paar BauplĂ€ne aus und machte sich ans Werk. Ein Jahr spĂ€ter hatte er seine erste Jazz-Gitarre fertig. «Ein wenig beschĂ€mt ging ich zu einem â€čechten Gitarrenbauerâ€ș und zeigte ihm, was ich gebastelt hatte». Dieser habe ĂŒber Verdineros Durchhaltevermögen gestaunt. Er zeigte ihm einige Kniffs und liess ihn in seiner Werkstatt eine Rockgitarre bauen.

Doch auch die nĂ€chsten Jahre blieben beschwerlich. FĂŒnf Jahre lang war das Gitarrenbauen fĂŒr Verdinero einfach eine Leidenschaft. 2016 Ă€nderte sich dies jedoch schlagartig. Er wurde entdeckt und erhielt eine Einladung an die «Holy-Grail-Guitar Show» in Berlin. An dieser Veranstaltung treffen sich jeweils alle Gitarrenbauer mit Rang und Namen. Ein Artikel im Fachmagazin Guitar Fair Magazine verhalf ihm endgĂŒltig zum Durchbruch in der Szene. «Auf einmal bekam ich Anfragen von verschiedensten Leuten», sagt er. Einige der professionellen Gitarrenbauer, die er in Berlin kennenlernte, nahmen ihn schliesslich unter die Fittiche und fĂŒhrten ihn ein in die Welt der Gitarrenbauer.

Aus dem Ruhm wurde Stress

Er lernte, wie man geschÀftet und auf welche Anfragen man gefasst sein muss. «Sie erklÀrten mir, was ich eigentlich mache», sagt Verdinero. Er lernte, wie viel seine handgearbeiteten Gitarren wert sind. Er solle sie ja nicht unter ihrem Wert verkaufen. Deshalb sind die Gitarren auf seiner Website nun mit Preisschilder von rund 5000 Franken angeschrieben. Trotz sichtbarem Erfolg: Wenn jemand Verdinero nach seinem Beruf fragt, gibt er immer noch seinen Job als Filialleiter eines Delikatessenladens an. «Schliesslich ist der Lohn jener Arbeit, mit der die Miete bezahlt wird, der Ausschlaggebende», sagt er.

Ganz im Gegenteil dazu nehmen seine Werke immer grössere BĂŒhnen ein. Momentan verbringt er Tag- und Nacht in seiner Werkstatt. «Diese drei Gitarren bringen mir noch graue Haare», sagt er mit einem Blick auf drei verschiedene GitarrenbĂ€uche die auf seiner Werkbank liegen. Eine von ihnen wurde von Fans des britischen Profigitarristen Peter Hammill bestellt. Diese haben sich in einer Gruppe von rund 10 000 Personen zusammengefunden und wollen dem Musiker die Gitarre zum 70. Geburtstag schenken. «Mit solch unterschiedlichen Anforderungen zu arbeiten, ist etwas ganz anderes», sagt er.

Verdinero beugt sich nun ĂŒber ein StĂŒck Fichtenholz. «Man braucht gar kein Mahagoniholz, das Einheimische ist gerade so gut.» Trockenes, hartes Fichtenholz aus GraubĂŒnden eigne sich hervorragend fĂŒr den Gitarrenbau, sagt er und klopft mit Zeige- und Mittelfinger auf das geschliffene helle HolzstĂŒck. Konzentriert hört er sich den Klang an. Mittlerweile sind seine HĂ€nde routiniert. Er könne von GlĂŒck reden, dass er nicht in einer Gitarrenfirma tagtĂ€glich am gleichen Modell arbeite. So habe er Gestaltungs- und Narrenfreiheit. Bislang baute er Jazz-, Akustik- und Rockgitarren. «Ich kann mich momentan noch nicht festlegen», sagt er. Er mĂŒsse noch ein wenig ausprobieren.


© Copyright 2010 – 2018, az Limmattaler Zeitung

 
 
 

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